Heilige Verschwendung. Gedanken zu Joh 12,1-8



Liebe Schwestern und Brüder,

im heutigen Evangelium erleben wir Jesus bei einem seiner wenigen Hausbesuche. Er ist zu Gast bei seinen Freunden Maria, Martha und Lazarus. Vor nicht allzu langer Zeit hat Jesus einen der drei wieder zum Leben erweckt. Diesmal ist sein Besuch weniger dramatisch. Offensichtlich verbringt er einfach gerne Zeit mit ihnen – und sie mit ihm. Maria salbt ihn gleich mit teurem Nardenöl, als er zur Tür hereinkommt. Sie feiert seine Gegenwart. Beim Anblick dieser Verschwendung kann sich Judas einen zynischen Kommentar nicht verkneifen: „Warum hat man das Geld für das Öl nicht den Armen gegeben?“, fragt er.

Ich stelle euch und mir heute drei Fragen zu diesem Evangelium.

Die erste lautet: Kannst du feiern?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die lange nicht feiern konnte. Geld war immer ein beliebter Einwand. Wer nicht feiern kann, findet tausend Erklärungen und Gründe dafür. Nicht zuletzt, um sich vom wahren Grund abzulenken.
     Als ich vor zehn Jahren anfing, Gottesdienste zu besuchen und grundsätzlich mehr zu feiern, war ich stets vom selben Gefühl überwältigt: Von Trauer. Mir war zum Weinen zumute, wenn ich feierte. Mit welcher Erhabenheit selbst die banalste Werktagsmesse und der kostengünstigste Studentengeburtstag dem Leben ein unfassbares Ja entgegenjauchzten! Mir schien dieser Scheck nicht gedeckt. Das Leben war nicht gut genug zum Jasagen. Wenn mich jemand ansprach, während ich gerade Tränen hinunterwürgte, kroch mir der Zynismus die Kehle hinauf. Wie Judas ertrug ich das Ja zum Leben nicht.
     Die Philosophen, die ich damals so schätzte – Sartre, Camus und Co. – hätten mich mein restliches Leben lang schlecht beraten und geniale Rechtfertigungen für meinen Zynismus gefunden. In Wahrheit ist das Leben erst gut, wenn ich Ja zu ihm sage. Dann erlebe ich täglich, wie Gott den Scheck deckt. Und das gehört gefeiert.

Die zweite Frage: Was hilft den Armen?
Arm ist, wem etwas Lebensnotwendiges ganz oder teilweise fehlt. Das sind Menschen, die zu wenig Geld oder Gesundheit haben, aber auch jene, die sich ungeliebt fühlen oder niemanden wissen, den sie lieben können. In den fast dreißig Jahren, die ich nun auf der Welt bin, sind mir viele Gesichter der Armut begegnet. In der ehrenamtlichen Arbeit und mittlerweile auch in meinem Beruf frage ich mich: Was hilft den Menschen? Ich will ja möglichst nützlich sein. Immer habe ich einen bestimmten Menschen vor mir, dem ich bei Hunger Essen, bei Kälte Kleidung und bei Unwissenheit Bildung anbiete. Aber besonders hilfreich scheint mir eines: meine Verfügbarkeit.
     Verfügbar halte ich mich nicht nur für die Menschen, die mir anvertraut sind, sondern für Gott. Ich tue das, indem ich mehrmals täglich den Mund halte, um ihn zu hören, und indem ich feiere. Mit dem gedeckten Scheck winke ich ihm zu und juble: „Du bist der Größte!!!“ Und er ruft zurück: „Du bist mein geliebtes Kind!!!“ Da geht mir das Herz über vor Liebe und Dankbarkeit. Beides will ich ausstrahlen und nicht mit meinen Worten und Taten zunichtemachen. Ich würde sagen, ich bin dabei durchschnittlich erfolgreich. Jedenfalls brenne ich nicht dabei aus.

Meine dritte Frage lautet: Was ist dein teuerster Besitz?
Das teuerste, was ich besitze, ist das Tablet, auf dem ich diese Worte schreibe. Ich habe es mir nach einigem Hadern zugelegt und mehr als ein halbes Monatsgehalt dafür ausgegeben. Der Einwand, mit dem ich gerungen habe, war nicht einmal so fromm wie der zynische des Judas. Eigentlich stellte ich mir nur die Frage, ob ich das Geld nicht lieber sparen sollte, horten, wofür auch immer. Schlussendlich habe ich mich für den Kauf entschieden – und zwar zur größeren Ehre Gottes.
     Ich versuche, diesen jesuitischen Maßstab auf alle Lebensbereiche anzuwenden und mich zu fragen: Dient es der größeren Ehre Gottes, wenn ich dieses oder jenes tue? Nicht immer ist der Fall so klar wie bei dem Tablet. Seine Nutzung ist für mich Gottesdienst, denn auf ihm schreibe ich, und Schreiben ist mein Lebenssinn. Wie Maria mit dem Nardenöl feiere ich Gottes Gegenwart mit den Texten, die ich auf diesem Tablet schaffe. Nicht immer ist das eine Predigt oder ein Glaubenszeugnis. Häufig sind es Erzählungen, Artikel oder andere Beiträge. Der Akt des Schreibens ist mir heilig, und ich probiere, zumindest Funken des göttlichen Feuers mithinein in die Worte zu nehmen. Auch dabei bin ich durchschnittlich erfolgreich, würde ich sagen. Jedenfalls schürt die technische Kostbarkeit die Flamme Gottes in mir.

Kannst du feiern? Was hilft den Armen? Was ist dein teuerster Besitz?
Unsere Feiern werden heuer anders aussehen als je zuvor. Doch das heutige Evangelium passt erstaunlich gut in diese merkwürdige Zeit. Es ist wie ein Türklingeln: Gott ist da! Besorgen wir alles für die Osterjause, wappnen wir uns für die Kartage und feiern wir sein Ja zum Leben. Schüren wir das Feuer mit dem Kostbarsten, das wir haben, und reichen wir einander dann das Licht – ganz so, wie sonst in der Osternacht.


Für "Miteinander Glauben und Beten" der Pfarre Salvator, Graz (2020)