Wenn du gehst (Auszug)

1

Ein glasklarer, eiskalter Septembermorgen beendete sieben Tage Dauerregen. Viele Einwohner der Kleinstadt hatten das veränderte Wetter noch nicht bemerkt. Doch Radmila Milovanović hatte sich vor fünfzehn Minuten in ihren neun Jahre alten Opel Corsa gesetzt um zur Arbeit zu fahren. Im Kühlschrank warteten fertig gepackte Jausenpakete auf die Kinder; Darko, der älteste ihrer drei Söhne, würde die beiden Jüngeren zur Volksschule begleiten. Radmila hörte auf dem Weg zur Arbeit nie Radio, sondern rauchte exakt drei Zigaretten – so lange brauchte sie, um von der Hofmeister-Siedlung am östlichen Stadtrand zur Autobahnauffahrt West zu kommen. Dort stand das Einkaufscenter West, dessen McDonald’s Filiale sie allmorgendlich zusammen mit zwei anderen Frauen aufräumte. Auf den Straßen herrschte noch weitgehend Ruhe, wenn sich Radmila um vier Uhr vierzig auf den Weg machte, damit Pendler und andere Rastlose um Punkt sechs Uhr in einem gesäuberten Lokal ihr Frühstück konsumieren konnten. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel, wischte sich ein wenig pinken Lippenstift von den Zähnen und richtete ihre dunklen Haare.
Später, in den Zeitungen, würde man sie als Radmila M., 43, Reinigungskraft serbischer Abstammung, bezeichnen. Kein Wort über den pinken Lippenstift.
Mit ihrem weiß-blauen Arbeitsmantel und ausgelatschten Flipflops machte sich Radmila daran, die speziellen Hygienebehälter und Papierkübel auf den Toiletten zu entleeren und deren Inhalt in zwei schwarzen Plastiksäcken zu vereinen. Wenn ihr auf dem Weg nach draußen irgendwo Klopapierfetzen oder achtlos auf den Boden geworfene Servietten auffielen, sammelte sie sie auf. In beiden Händen schwarze Säcke, drückte sie die Klinke der Hintertür mit ihrem Ellenbogen nach unten und stieß sie dann mit ihrem Hintern auf. Sie wuchtete die Säcke hinaus und ließ die Tür mit einem Knallen hinter sich zufallen. Es fröstelte sie in ihrem Arbeitsmantel und den Flipflops. Ist halt schon Herbst, dachte sie bei sich, die Augen auf den wolkenlosen Himmel gerichtet, während sie die Säcke ein paar Schritte weiter zur Mülltonne schleifte.
Da fiel ihr Blick auf den Spalt zwischen zwei Tonnen.
Nachdenklich ließ sie die beiden Säcke auf den Boden sinken und näherte sich den großen schwarzen Restmülltonnen. Zwischen ihnen lag etwas, ein Stück davon ragte hervor – nicht viel, etwas Weißes. Wahrscheinlich hatte eine Privatperson wieder einmal ihren Sperrmüll des Nachts auf dem Gelände deponiert, um sich die Entsorgungsgebühr zu ersparen. Überzeugt von dieser Erklärung und mit abnehmendem Glauben an das Gute im Menschen raunzte sie „Mein Gott…“, wie sie es an guten Tagen zehn- bis fünfzehnmal tat. Doch als ihre kurzsichtigen Augen dem Gegenstand nahe genug gekommen waren, entfuhr ihr derselbe Satz gleich ein zweites Mal, nun als atemloser Aufschrei:
„OH MEIN GOTT!!!“
Im Spalt zwischen den zwei Tonnen lag ein Mensch, sein angewinkeltes, weißes Bein ragte hervor. Er war nackt. Ein Arm reckte sich nach hinten, an die halbhohe Wand, der andere hing quer über seinen Oberkörper. Es war eindeutig ein Mann.
Radmila wandte sich ab und drückte sich beide Hände ins Gesicht. „Oh mein Gott, oh mein Gott…“, murmelte sie. Ihre geweiteten Pupillen starrten zur Hintertür. Lebte der Mann noch? Er sah tot aus. Einmal noch drehte sie sich um, schielte zwischen ihren Fingern hinunter auf ihn: Auf seinem Bein waren Schürfwunden und kleine Kratzer, das Blut wirkte angetrocknet.
Die Hände voll mit pinkem Lippenstift, stürmte sie zurück durch die Hintertür in die Filiale. „Gizem!“, schrie sie, „Bei Müll liegt toter Mann!“ Die ältere Frau hörte einen Moment auf, den Boden zu wischen. „Was?“ Radmila holte Luft und fing wild zu gestikulieren an. „Wir müssen Polizei rufen! Hinten liegt toter Mann!“ Gizem ließ den Wischmopp los, wischte sich die Hände im Arbeitsmantel ab und kam auf ihre Kollegin zu. „Bei Müll?“ Radmila nickte hastig. Gizem drängte sich an ihr vorbei nach draußen. Im nächsten Moment war ein Aufschrei zu hören.
„Radmila! Ruf Polizei! Ruf Herr Payer!“
Als Gizem bleich wieder zurückkam, erzählte Radmila gerade der dritten Kollegin auf Serbisch von ihrem grausigen Fund. Gizem holte ihr klobiges Handy aus der Manteltasche, überlegte kurz, ob die Polizei oder der stellvertretender Filialleiter zuerst verständigt werden müsse. Sie entschied sich dann doch für die Behörde und erklärte einer jungen, geduldigen Polizeibeamtin, was sie soeben zwischen zwei Mülltonnen mit eigenen Augen gesehen hatte.
„Sicher ist tot!“, entfuhr es ihr, als die Polizistin fragte, ob der Mann eindeutig nicht mehr lebe. „Nein, haben nur geschaut, nicht angegriffen.“
Der stellvertretende Filialleiter betrat energisch den Raum. Er hatte die beiden Frauen auf Serbisch debattieren und Gizem in gebrochenem Deutsch reden gehört. „Was ist hier los? Warum arbeitet ihr nicht?“
Drei aufgebrachte Frauen redeten durcheinander auf ihn ein. „Ein Toter?“, fragte er ungläubig. „Beim Müll?“ Schon bahnte er sich einen Weg vorbei am dreifaltigen Facility Service, hinaus zu den Tonnen. Radmila, Gizem und Dajana, die jüngste der Drei, steckten die Köpfe zur Tür hinaus. „Bei Restmüll!“
Herr Payer, ein korrekt gekleideter Mann Anfang dreißig mit seriösem Haarschnitt und strengem Brillengestell, trat angewidert einen Schritt zurück. Er würgte, näherte sich dem Körper dann jedoch wieder, das Gesicht zögerlich, fast ängstlich zur Seite gewandt. Er hockte sich nieder, um das vorragende Bein zu betrachten. „Habt ihr die Polizei gerufen?“
„Polizei und Rettung kommen in fünf Minuten!“
Für gewöhnlich amüsierte es ihn, wenn die Verben in den Sätzen seiner Mitarbeiter einmal zufällig grammatikalisch mit dem Subjekt übereinstimmten, doch in diesem Augenblick war er zu konzentriert auf die schlanke, verdrehte Männergestalt, die vor ihm lag. Er betrachtete sie, stets bereit aufzuspringen, sollte sich plötzlich irgendetwas zu rühren beginnen. Doch die Bewegung, die er wahrnahm, war eine sehr ruhige, gleichmäßige. Der nackte Brustkorb des Menschen hob und senkte sich, schwach aber doch.
„Der Mann lebt!“, rief er den Frauen zu, ohne sich von dem Körper abzuwenden. Nun wagte er es, ihn sacht an einer kalten Hand zu rütteln. „Sie!“, sagte er in bestimmtem Ton. „Sie, hören Sie mich?“
Der Mann zeigte abseits der Atmung erst weitere Lebenszeichen, als die Rettung kam und ihn endgültig aus dem Spalt zwischen den beiden schwarzen Restmülltonnen befreite, ihn vom kalten Asphalt auf eine Trage hob und seinen Körper notdürftig bedeckte. Als die Ausmaße seiner Verletzungen zutage traten – Schrammen und blaue Flecken am gesamten Körper, eine Platzwunde an der Augenbraue – begann er ein wenig zu murmeln. Seine Lider flatterten.
Zwei Polizisten warfen nachdenkliche Blicke auf den Nackten und seine Fundstelle. Einer zog die Augenbrauen hoch. Er wollte wissen, ob jemand der Anwesenden den gefundenen Herrn mit Namen kannte, doch niemand konnte Auskunft geben. „Wär heuer schon der siebte Drogentote.“, warf der andere Polizist kopfschüttelnd ein.
„Aber der Mann lebt doch noch.“, stellte Herr Peyer fest.
„Ja, ja, natürlich.“, beteuerte der Polizist. „Wissen Sie“ Er sah zu den Putzfrauen, die sich bereits wieder an die Arbeit gemacht hatten, den Boden unmittelbar vor dem Hinterausgang heute allerdings besonders gut schrubbten. „Das mit den Drogen ist ein gewaltiges Problem. Da kommt’s dauernd zu Schlägereien und Messerattacken. Was wir allein heuer am Mehlplatz Einsätze gehabt haben, gell?“
Sein Kollege nickte.
„Der Mann wurde zusammengeschlagen, ja.“ Herr Peyer sah der Trage nach, die von den Rettungsleuten gerade über den Parkplatz zum Wagen geschoben wurde. „Aber Drogen? Glauben Sie?“
„Sehr wahrscheinlich.“, klärte ihn der Polizist auf. „Wie alt wird er schon gewesen sein? Zwanzig? Und da liegt er nackt hinter einem McDonald’s. Der wird wohl unter Drogeneinfluss gewesen sein. Und wenn nicht er, dann derjenige, der ihn so zugerichtet hat. Na, ja, das werden wir ihn alles dann fragen, wenn er wieder zu sich kommt. Danke Ihnen einstweilen.“
Herr Peyer hatte gehofft, die Sache beenden zu können, bevor Kundschaft kam. Da die Polizei den Spalt zwischen den Mülltonnen nicht weiter untersuchte und die Rettung keine Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen musste, sondern den Mann nur in den Wagen verlud, gelang das auch tatsächlich. Um fünf Uhr achtundvierzig kehrte die Filiale wieder zu ihrer täglichen Routine zurück. In der Mittagspause bot eine Journalistin der lokalen Zeitung den stellvertretenden Filialleiter sowie Radmila zum Interview. Am Abend war der nackte Mann noch einmal Thema an den Esstischen von Herrn Peyer, Radmila, Gizem und Dajana. Erst zwei Tage nach seiner Auffindung wurde er zum Gesprächsthema zahlreicher Familien in ganz Österreich. Und Jahre später lernten schließlich junge Polizisten und Polizistinnen in ihrer Ausbildung anhand der Geschehnisse dieses Septembertages in der Bezirkshauptstadt Schweigen an der Dreising, wie nachlässig man einen Tatbestand auf keinen Fall aufnehmen durfte.

Daniela Feichtinger
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