Die Hüterin der Fluten




Sie wohnte seit Jahrzehnten dort oben an der Klippe. Siebenunddreißig Jahre mit ihrem Mann, die letzten neun ohne ihn. Jeden Tag war er von dort aufgebrochen Richtung Stadt um zu arbeiten und Abend für Abend zurückgekehrt an diesen unwirklichen Ort. „Dort oben kann man nicht leben.“, hatten sie ihrem Mann und ihr damals gesagt. Als er gestorben war, sprach man ihr das Recht dazu ab. Doch sie blieb, bewirtschaftete ihren kleinen Garten, in dem nicht allzu viel wuchs, und lebte.

Die Klippe ragte kantig und grau in den immerweißen Himmel. An ihrem äußersten Rand war man umgeben von nichts als Öde. Nur der krumme Trampelpfad, der hinter einem lag, verband einen noch wie eine Nabelschnur mit der Stadt und mit dem Früher. Doch umdrehen durfte sich niemand, der es bis hierher geschafft hatte. Das wusste jeder.


Jeden Tag warf sie Blicke durch das weiße, hölzerne Fensterkreuz, direkt auf die Klippe. Niemals hatte sie schweißnasse Hände oder ein rasendes Herz, wenn sie das tat. Dabei gab es nichts Gutes zu sehen. Denn jedes Mal, wenn ihre Augen auf etwas stießen, war es ein Mensch, der auf die Klippe zuging oder an ihrer vordersten Kante stand und in die Fluten starrte.

Sie konnte schon vom Fenster aus unterscheiden, ob der Mensch nur die Aussicht genoss oder ob ihn Aussichtslosigkeit über die Planke trieb. „Das hab ich im Gefühl.“, meinte sie und wiegte ihren Kopf nachdenklich, wenn sie ihrem lebensmüden Gast davon erzählte. „Du kannst mir glauben – Menschen schauen anders drein, wenn sie gerade den letzten Sonnenaufgang ihres Lebens sehen.“

Sie führte nicht Buch über all diejenigen, die seit sie hier wohnte zu springen versucht hatten. Sie führte Buch über jene, denen es unbeobachtet von ihr gelungen war, meistens abends, denn sie sah nicht mehr sonderlich gut – am schlechtesten in der Dämmerung. Sie notierte jene, die nach einem Tee bei ihr wiederkamen, sich an ihr vorbeistahlen und sich über den schroffen Felsen stürzten, oder die zu Hause ein Seil nahmen und ihr auf den grauesten Seiten der Tageszeitung wiederbegegneten.

Von ihren Einkäufen wusste sie, was in der Stadt geschah, sie kannte die leeren Ladenzeilen und die fahlen Gesichter, die Eltern, die ihre Kinder in Sicherheit wähnten, weil sie weggezogen waren, „in die Hauptstadt“, hieß es, oder „in ein anderes Land“. Manche von ihnen kamen erst im Alter wieder auf die Klippe zurück – sie schien tröstlich, als prangte über ihr, wo auch immer man war, doch die Neonreklame NOTAUSGANG.

„Mir schwemmt es öfter Jungvolk an.“, sagte sie, als einmal ein Journalist wissen wollte, welche Menschen sie dort oben ansprach und zu sich ins Haus bat. „Die Stadt treibt sie heraus und das Meer reißt sie dann mit. Die Strömung ist stark hier. Diejenigen, die nicht durch den Aufschlag sterben, peitscht der Wind gegen die Klippe oder der Sog zieht sie unter Wasser.“

Wieder saß ein junger Gast bei ihr, überfordert von der bedingungslosen Zuwendung, die ihm, einem Fremden, in diesem Haus zuteilwurde.

„Es wird Zeit, dass einer an die Golden Gate Bridge zieht.“, meinte sie kopfschüttelnd. Mit einer rauen Handfläche rieb sie sich über ihre trüben, blassblauen Augen. „Aber wer soll das tun? Ich hab’ doch nicht mal einen, der mich beerbt. Ich hab’ dem Stadtrat vorgeschlagen, aus dem Haus eine Station zu machen und hier jemanden aufzustellen. Sie meinten, das würde das Problem nur verlagern. Keiner käm’ mehr her.“ Lächelnd schenkte sie dem jungen Menschen Tee nach. „Das stimmt nicht, weißt du.“, fuhr sie fort. „Die Stadt hat keine Hochhäuser. Sie werden immer kommen.“

Ihr Gast legte seine weißen Hände um die heiße Teetasse. „Das ist nicht ganz wahr.“, widersprach er leise. „Die Leute kommen, weil sie sich unbeobachtet fühlen.“ Er lächelte sehr vorsichtig.

Daniela Feichtinger
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