Daniela Feichtinger
November 10, 2021

Bouvet. Die wahre Geschichte eines Verbrechens

Bouvet. Die wahre Geschichte eines Verbrechens

 


Wie gelangt ein Rettungsboot auf die einsamste Insel der Welt? In 12 Kapiteln erkunde ich die entlegene Gegend auf der Suche nach Antworten. Ein wahrer Krimi mit unerwarteten Opfern - und Tätern.

1 – Der einsamste Ort der Welt

Überzogen von meterdickem Eis ragt eine felsige Anhöhe aus dem antarktischen Ozean. Am Fuß ihrer schroffen Klippen schäumt das Meer. Rundum nur Himmel und Wasser. Oder an den meisten Tagen: Nebel.

Die Insel Bouvet ist der einsamste Ort der Welt. Nicht nur deshalb, weil hier niemand wohnt. Auf vielen anderen Inseln wohnt auch keine Menschenseele.

Doch auf Bouvet ist man so weit von jedem anderen Menschen entfernt, wie nirgendwo sonst auf der Welt. Im Umkreis von tausend Kilometern verläuft keine Seeroute. Fliegt eine bemannte Raumstation über einen hinweg, dann befinden sich darin die nächstgelegenen Personen. Sie sausen zwar gut 500 Kilometer über dem Erdboden vorbei, sind einem damit aber näher als alle anderen Menschen auf der Welt. So einsam, wie auf Bouvet, ist man weder am Nord- noch am Südpol jemals. Dort stehen Siedlungen und Forschungsstationen, die ganzjährig Leute beherbergen. Auf Bouvet ist nichts. Oft kommt jahrelang niemand vorbei.

Ihre Existenz verdankt die Insel einem Vulkanausbruch. Ein weiterer sorgte Mitte der 1950er-Jahre für ein Plateau im Nordwesten, auf dem nun eine Kolonie See-Elefanten lebt. Diese größte Robbenart der Welt hat wenig Ähnlichkeit mit den niedlichen Tieren aus dem Zoo. Unter den schwammigen Augen der tonnenschweren Männchen baumeln markante Rüssel. Die dunkle Oberfläche ihrer plumpen Körper glänzt nass und speckig. Das Alphatier unter ihnen, der Strandmeister, verteidigt die kalbenden Weibchen gegen Konkurrenten, indem er sich auf sie stürzt und ihnen seine Zähne in den Rücken schlägt. Mit aller Gewalt schützt er seinen Harem und tötet dabei manchmal aus Versehen auch seine eigenen Kälber.

Zu sagen, es sei nichts los auf Bouvet, wäre also falsch: Revierkämpfe zwischen den See-Elefanten, das immergleiche Leben tausender Pinguine, die Zwischenlandung verschiedener antarktischer Vögel – Naturschauspiele gibt es zur Genüge auf den knapp fünfzig Quadratkilometern, die fast zur Gänze von Eis bedeckt sind. Wer lange genug bleibt oder oft genug wiederkehrt, kann selbst hier, an einem der unwirtlichsten Orte der Welt, bis zu zwölf verschiedene Vogelarten beobachten.

Doch selten sieht hier jemand auf die Uhr, selten werden Geschichten erzählt. Die Insel kommt gut ohne Menschen aus. Die Tiere, die mit Moosen und Flechten in der Kälte leben, haben ihren eigenen Rhythmus. Und der ist stets der gleiche, auch wenn niemand dabei zusieht.

Dennoch hat die Insel 397 Google-Rezensionen. Jede einzelne von ihnen versucht auf ihre Art, witzig zu sein: Man braucht auf Bouvet keinen Kühlschrank, schreiben die Leute, oder sie beschweren sich über die fehlenden Manieren der Pinguine.

Das verlassene Rettungsboot, das hier einmal im Sand steckte, erwähnt hingegen niemand.

 

2 – Die Entdeckung(en) von Bouvet

Als Entdecker von Bouvet gilt der französische Seefahrer Jean-Baptiste Charles Bouvet de Lozier. Auf der Suche nach dem sagenumwobenen Südkontinent stach er im Juli 1738 von Frankreich aus in See. Seit der Antike rechnete man im Süden der Welt mit einer großen Landmasse, die das Gewicht des europäischen Kontinents ausbalanciert. Die große Entfernung und das dichte Packeis machten es lange Zeit unmöglich, dorthin vorzudringen.

Am 1. Jänner 1739 tat sich vor Bouvet schließlich etwas auf, das er für den Beginn des gesuchten Kontinents hielt: Die später nach ihm benannte Vulkaninsel. Er selbst gab ihr den Namen „Cap de la Circoncision“ – schließlich machte er seine Entdeckung am 1. Jänner, dem Tag der Beschneidung Jesu. Ein mittlerweile fast vergessenes Fest.

Ob die Schiffsbesatzung in der Nacht davor auch Silvester feierte, ist nicht überliefert. Jedenfalls irrte sich Bouvet gleich in mehrfacher Hinsicht. Der gesuchte Kontinent, den wir heute Antarktis nennen, war in Wahrheit noch 1750 Kilometer entfernt, und die Koordinaten, die er für die Insel notierte, sollten sich am Ende als falsch erweisen. Geplagt von Skorbut kehrte er mit seiner Mannschaft wieder nach Frankreich zurück – und die einsamste Insel der Welt ging wieder verloren.

Keinem Seefahrer gelang es in den nächsten Jahrzehnten, sie wiederzufinden. Mit Bouvets Angaben im Gepäck scheiterte erst der legendäre James Cook und dann der nicht minder legendäre James Ross. Ganz generell tummelten sich damals auf hoher See die Legenden. Es war die Zeit der großen Entdecker, die im Auftrag der Weltmächte die Meere eroberten und erforschten. So kam es auch, dass die Insel für die Briten reklamiert wurde, obwohl sie seit fast hundert Jahren niemand mehr gesehen hatte. Kapitän George Norris behauptete zwar, sie 1822 betreten und dabei gleich noch ein weiteres Landstück gefunden zu haben – wer sollte ihm auch das Gegenteil nachweisen? – aber in Wahrheit blieb die Landmasse unauffindbar. Paradoxerweise vermehrte sie sich gleichzeitig auch, sodass es nach all den Entdeckungsfahrten nun Koordinaten für insgesamt fünf Inseln gab, die alle in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander liegen sollten: Bouvet, Bouvet & Hay, sowie die Lindsay-, die Liverpool- und die Thompson-Insel.

Bis auf Bouvet stellten sich letztendlich alle anderen vier als sogenannte Phantominseln heraus, die durch optische Täuschungen und Verwechslungen ihren Weg auf die Landkarte gefunden hatten. Bouvet de Lozier hatte 1739 wohl tatsächlich das einzige wirklich existierende Festland gesichtet. Doch erst hundertfünfzig Jahre später gelang es, dieses Bouvet wiederzufinden und korrekt zu verorten. 1927 wurde es schließlich im Zuge einer norwegischen Forschungsreise besetzt. Noch heute gehört Bouvetøya daher zu Norwegen.

 

3 – Allan Crawford

Mitte der 1950er-Jahre interessiert sich das South African Weather Bureau für die Insel. Es will eine Wetterstation an dem abgelegenen Ort errichten. Also bricht ein Team von Ingenieuren und Meteorologen von Kapstadt aus auf. Zu ihm gehört Allan Crawford [1]. Er ist seit dem Zweiten Weltkrieg untrennbar mit Tristan da Cunha verbunden, einer anderen, ebenso abgelegenen Inselgruppe, die im Unterschied zu Bouvet jedoch von etwas mehr als zweihundert Menschen bevölkert wird. Sie liegt weiter nordwestlich, fast auf demselben Breitengrad wie Kapstadt. Crawford kennt sich also aus mit gottverlassenen Gegenden im Südatlantik. Trotzdem ist Bouvet mit seiner dicken Eisschicht und den schroffen Klippen auch für ihn etwas anderes.

Tausende Vögel säumen seinen Weg in den Süden: Albatrosse, Möwen- und Sturmvogelarten, sowie zuletzt auch die unterschiedlichen Pinguine, die auf der Insel eine Heimat gefunden haben. Riesige Walfische, die er nicht einordnen kann, tauchen gelegentlich in Sichtweite des Schiffes auf. Killerwale, die wie Wölfe in Rudeln jagen, brechen durch die Wasseroberfläche. Einsam ist es hier nur nach menschlichen Maßstäben.

Die Truppe umkreist die Insel eine Weile. Mehrmals geht sie an Land, stets dick eingepackt in Wollsachen und Rettungswesten. Es besteht Gefahr, in das eiskalte Wasser zu stürzen, während sich das Boot kaum an der schroffen Küste hält und wütende See-Elefanten nahen. Im Unterschied zu den Pinguinen, die sich mit aller Gewalt die Abhänge hinaufarbeiten und unbeirrt wieder von vorne beginnen, wenn sie zurück ins Wasser rutschen, kann einen Menschen hier jede Unachtsamkeit das Leben kosten.

Die Insel scheint sich für den Bau einer Wetterstation nicht anzubieten. Erst Jahre später sorgt ein weiterer Vulkanausbruch für ein neues Plateau. Eine US-Expedition entdeckt die flache, dunkle Landmasse zum Erstaunen aller südlich des Kap Circoncision. Im Wissen um die neuen Möglichkeiten startet daher bald wieder eine Mannschaft von Kapstadt aus. Ziel ist die Übernahme einer norwegischen Antarktisstation durch die Südafrikaner. Auf dem Weg soll Bouvet inspiziert werden. Sie verlieren auf dieser Reise zwei Besatzungsmitglieder: Ein Mann geht über Bord, und ein anderer stirbt bei einer Explosion, als er die Sprengung des Packeises vorbereitet. Wenig später steckt das Schiff für drei Wochen fest. Nachdem man sich ein Monat lang bis in die Antarktis vorgearbeitet hat und Bouvet aufgrund des Wetters nicht erreichen konnte, ist die Insel auf der wesentlich kürzeren Rückfahrt im Nebel gar nicht zu sehen.

 

4 – 2. April 1964

Noch Jahre später sucht die Gruppe von Meteorologen und Wissenschaftlern nach einer Möglichkeit, ihre Wetterstation zu errichten. Es ist ihr mittlerweile dritter Versuch, als Allan Crawford 1964 wieder vor Bouvet landet.

Über elf Stunden ist es zu dieser Zeit hell auf der Insel. Die Temperatur liegt bei knapp einem Grad Celsius. Ein milder Westwind verstärkt die gefühlte Kälte. Doch es herrscht kein Wetter, dem man nicht mit guter Kleidung beikommen könnte. Die Antarktis ist schließlich noch weit entfernt, und unvorbereitet verirrt sich ohnehin niemand auf die Insel. Im Idealfall kommt man per Helikopter, der mit dem Schiff so nah wie möglich herantransportiert wird. Einen Anlegeplatz wird man vergebens suchen. Hat man sich der Insel ohne Hubschrauber genähert, geht es weiter im Motorschlauchboot, das an den felsigen Strand gezogen werden muss, beobachtet von den deutlich kleineren Weibchen der See-Elefanten-Kolonie. Sie wundern sich über die seltenen Gäste.

Wieder gelingt es der Truppe nicht gleich, an Land zu gehen. Ein Sturm tobt, dann bricht dichter Nebel herein. Erst Tage später, am 1. April, kann der Helikopter abheben, den sie diesmal an Bord haben. Die Landung gelingt erst tags darauf.

In der Dreiviertelstunde, die sie auf der Insel verbringen können, stellen sie weitere vulkanische Aktivität fest – ein Umstand, der den Bau einer Wetterstation abermals nicht nahelegt. Crawford trägt eine Kamera bei sich, mit der er seinen Weg über Eis und Geröll dokumentiert.

In einer seichten Lagune im Norden der Insel macht er eine merkwürdige Entdeckung: Halbversunken im Wasser liegt ein Boot.

Auf der einsamsten Insel der Welt.

 

5 – Das mysteriöse Boot

Crawford fotografiert das Boot. Im Hintergrund der Aufnahme ist das für Bouvet typische Geröll zu sehen, an einer Stelle verborgen von einer nicht allzu dicken Schneeschicht. Das Gelände fällt in Richtung des Betrachters etwas ab, die Lagune liegt in einer Senke. Ohne Verbindung zum Meer sammelt sich hier Schmelz- und Regenwasser. Auf einem Felsen sitzt ein Seehund, den Blick auf das Boot zu seiner Rechten gerichtet, das auch Crawford bestaunt. Der obere Rand, genannt Dollbord, ragt heraus. Etwas scheint im Boot zu liegen – vielleicht ein Paddel? – doch notiert Crawford nichts dergleichen. Er bezeichnet das Gefährt als „Walfänger“ oder „Rettungsboot eines Schiffs“. Es ist in ziemlich gutem Zustand, doch finden sich keine Hinweise auf seine Herkunft.

Obwohl die Zeit drängt, sehen sich die Männer nach der Crew oder ihren sterblichen Überresten um. Im Umkreis von hundert Metern finden sie nur ein Stahlfass, das über 150 Liter fasst, zwei Ruder, sowie Holzstücke und einen kupfernen Auftriebstank, der aus unerfindlichen Gründen flach auseinandergebogen wurde. Wer auch immer hier gestrandet ist – er ist unauffindbar.

Vierzehn Jahre später baut ein norwegisches Team binnen drei Monaten endgültig eine Wetterstation auf dem unwegsamen Terrain. Niemand erwähnt je wieder das mysteriöse Boot. Niemand berichtet davon, in der Gegend um Bouvet in Seenot geraten zu sein. Niemand wird vermisst.

Crawford und sein Team haben das Boot bei ihrem ersten Besuch zehn Jahre zuvor wahrscheinlich nicht übersehen. Sein guter Zustand spricht für eine eher kurze Liegezeit. Wann genau verbrachte hier also jemand seine letzten Stunden? Wie sahen sie aus? Und vor allem: Wer war es?

 

6 – Wer treibt sich auf Bouvet herum?

Wenige Jahre zuvor.

Es klopft an Allan Crawfords Tür. Ein gewisser Major Graf Giorgio Costanzo Beccaria besucht ihn in seinem Büro in Kapstadt. Er braucht seine Hilfe. Gemeinsam mit dem italienischen Professor Silvio Zavatti, dem Gründer des Instituto Grafico Polare, will er nach Bouvet fahren und die Insel untersuchen. Crawford soll ihm mit seinen Kontakten helfen, den Transport zu organisieren. Obwohl sich die Admiräle offen zeigen, verlaufen die Pläne im Sand. Der Graf reist unverrichteter Dinge wieder ab.

Monate später heißt es dann plötzlich, Beccaria und Zavatti hätten Bouvet erreicht. Die Italiener schicken Crawford sogar einen Artikel, den sie in einem Magazin veröffentlicht haben. Nach sechs stürmischen Tagen seien sie im Mai 1959 auf der Insel gelandet.

Stammt das Boot, das Crawford selbst fünf Jahre später auf Bouvet entdeckt, also von ihnen? Ist es Teil einer Nacht und Nebel Aktion, für die die Männer auf unerklärliche Weise doch Unterstützer gefunden haben? Wer ist an der Überfahrt beteiligt, wenn sowohl von britischer als auch von südafrikanischer Seite niemand Bescheid weiß? Verweist das Boot auf einen Skandal, bei dem Menschen ums Leben gekommen sind?

 

7 – Wissenschaftler und Amateurfunker

Neben Wissenschaftlern treiben sich gelegentlich auch private Abenteurer auf den Weltmeeren herum. Einer von ihnen ist der US-Amerikaner Gus Browning. Ihn drängt in den Fünfzigerjahren der Amateurfunk hinaus auf hohe See.

Eine Funkprüfung eröffnet dem interessierten Laien den Zugang zu einem illustren Menschenzirkel, der von allen möglichen und unmöglichen Orten aus Funksprüche abzusetzen versucht. Dabei besteht der Reiz nicht nur darin, in entlegenen Gegenden ein Signal zustande zu bringen, sondern auch im Einholen der Genehmigung, die je nach Land oft nicht einfach zu erhalten ist. Empfänger der Funksignale ist mit Ausnahme von Notfällen stets ein anderer Funkamateur. So trägt das Hobby seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Völkerverständigung und zu internationalen Freundschaften bei.

Gus Browning ist ein Meister unter den Amateuren. Über 20 000 Kontakte soll er bis zu seinem Tod im Jahr 1990 hergestellt haben. 1967 wird er als Erster in die DX Hall of Fame aufgenommen.

Fünf Jahre zuvor gelingt „Mr. Radio“ die Erstaktivierung von Bouvet – eine Sensation in der Welt des Amateurfunks. Schon seit Monaten befindet er sich damals in Afrika und den umliegenden Gewässern. Er sendet aus Ländern wie Ruanda und Burundi, verbringt zwei Wochen auf den Seychellen. Selbst das abgelegene Tristan da Cunha mit seinen wenigen Einwohnern liegt auf seiner tollkühnen Route.

Dann steht Bouvet an – für Funkamateure ähnlich rar und abenteuerlich wie Nordkorea. Mit Hilfe südafrikanischer Kollegen ergattert er Ende 1962 ein Ticket auf die Insel. Sein Plan geht auf. Gus Browning verfestigt seinen Ruf als Pionier.

Über seinen Aufenthalt auf der Insel findet sich wenig Information: Wie ist das Wetter? Wie schafft er es, an Land zu gehen? Kommt es dabei zwei Jahre vor Crawfords Entdeckung zu Komplikationen? Steckt er hinter dem mysteriösen Boot? Will er nicht darüber sprechen, weil die Amateurfunk-Eroberung von Bouvet nicht mit rechten Dingen zugegangen ist?

 

8 – …oder auch nicht

An den Signori aus Italien, die Bouvet erforscht haben wollen, hegt Crawford von Anfang an Zweifel. Nicht nur die Marken, die sie angeblich für Briefe von der Insel aus verwendet haben, machen den passionierten Philatelisten stutzig. Auch eine Publikation, die er zwanzig Jahre später in die Finger bekommt, nährt den Verdacht, dass die beiden Forscher gar nie auf der Insel waren. Ihre als Kinderbuch eingestufte Veröffentlichung bietet keine wissenschaftlichen Angaben und auch nur ein einziges Foto. Es zeigt einen Seehund, wie es ihn in jedem Zoo gibt.

Ähnlich verhält es sich wohl mit Gus Browning. Auch „Mr. Radio“ dürfte beim Heiligen Gral des Amateurfunks geschummelt haben. Mittlerweile heißt es nämlich, er habe die Insel 1962 gar nicht erreicht. Auch für ihn wäre der einsamste Ort der Welt eine schöne Trophäe gewesen, die zu ergattern ihm offensichtlich nicht gelungen ist.

Anders als in den Jahrhunderten zuvor sind Behauptungen nun überprüfbarer. Aber mit seiner exotischen Lage ist Bouvet nach wie vor den Versuch einer Lüge wert.

Wer treibt sich also sonst noch im Südatlantik und in der verlassenen Gegend um die Insel herum? – Walfische.

Und wo es Walfische gibt, sind Walfänger meistens nicht weit.

 

9 – Walfänger

Könnte es so gewesen sein?

Männer an Bord eines Schiffs. In welcher Sprache unterhalten sie sich? Englisch, weil sie Briten oder Amerikaner sind? Norwegisch? Russisch? Oder gar Deutsch? Wie auch immer sie sich verständigen: Seit vielen Jahrzehnten gehen sie gleich ans Werk, und so steigen auch diese Walfänger in ein Fangboot, lassen es hinab in die eisige See und rudern dem gesichteten Wal hinterher. Aus nächster Nähe richten sie die Harpunen auf ihn, lassen sich hinter ihm herziehen und sehen ihm beim Verbluten zu. Eine gute halbe Stunde dauert das normalerweise. Dann haben sie ihn.

Doch an diesem Tag ist es anders: Der Wal zu kräftig, die Harpunen zu schwach, das Wetter zu harsch. Die Männer verlieren erst die Waffen und dann die Kontrolle, driften immer weiter ab vom eigentlichen Schiff, sehen ihre Beute am Horizont verschwinden. Nebelschwaden trennen sie von der Besatzung, die sie mittlerweile aus den Augen verloren hat. Noch hält sie der Auftriebstank über Wasser. Sie rudern – aber wohin? Ein starker Westwind bringt sie weiter vom Kurs ab.

Da tut sich wie durch ein Wunder Festland vor ihnen auf: Eine schroffe Insel aus Eis. Obwohl sie erst nur steil abfallende Klippen sehen, aus denen Wasserfälle ins Meer stürzen, treibt ihr Boot geradewegs auf ein flacheres Teilstück zu. Mit letzter Kraft ziehen sie sich an Land und debattieren, euphorisch von der Wendung, zu Tode erschöpft von den Strapazen, wie es jetzt mit ihnen weitergehen soll. Die Wellen rollen heran, und von Ferne sehen sie Kolosse, die sich ihnen aufgebracht nähern.

Einer der Männer schaut sich um: Hier können sie nicht bleiben. Die Flut wird sie bald gegen die Felsen schmettern oder ein See-Elefant kommt und zerfleischt sie.

Die anderen folgen seinem Blick. Sie wissen, was er meint. Doch sie können das Boot, ihren einzigen Schutz, auch nicht liegenlassen. Also schleppen sie es landeinwärts, stolpern über Geröll und Eis, während ein klirrend kalter Wind über sie hinwegfegt. Wo es möglich ist, schleifen sie das Boot mit der Unterseite über den Boden, sodass sie den Tank, das Fass und die Ruder darin transportieren können. An den Stellen, an denen es nicht anders geht, drehen sie es um und müssen drei Mann entbehren, um die Gegenstände zu tragen.

Was sie nicht wissen: Sie sind im Norden der Insel gelandet. Darum erreichen sie bald die Lagune, eine von Wind und Wetter etwas geschützte Senke. Vielleicht leben sie noch eine Zeit lang vom Süßwasser im Stahlfass. Vielleicht gelingt es ihnen auch ohne Harpunen, einige Seehunde oder Vögel zu erlegen. Vielleicht machen sie es wie die Überlebenden des Flugzeugabsturzes 1972 in den Anden und essen ihre toten Kollegen. Vielleicht funktionieren sie den kupfernen Auftriebstank zum Kochen um, als ihnen endgültig klar wird, dass sie die Insel nie mehr per Boot verlassen werden.

Vielleicht zerstreuen der Wind und die Tiere ihre Knochen.

 

10 – Ein goldenes Zeitalter

Der Walfang hat sich seit Herman Melvilles Moby Dick gravierend verändert: Er ist in den Sechzigerjahren nicht länger ein Ringen des einzelnen Mannes mit der Kreatur, bei dem auch er selbst ums Leben kommen kann, sondern ein technisierter Prozess, in dem kein Wal mehr die Chance hat, zu entkommen. Dass sich ein kleines Walfangboot auf Bouvet verirrt, ist also nicht nur aufgrund der abgeschiedenen Lage der Insel unwahrscheinlich.

Der modernisierte Walfang führt Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem rasanten Artensterben. Ein Problembewusstsein keimt hingegen nur langsam. So wird 1935 der Eubalaena, auch genannt Retwal, als Erster unter Artenschutz gestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs tritt ein Vertrag der Internationalen Walfangkommission in Kraft, der Obergrenzen für die einzelnen Arten vorsieht. Als die kommerzielle Jagd 1986 schließlich ganz verboten wird, sind die Bestände dennoch auf einem katastrophalen Stand. Was ist geschehen? [2]

Trotz der eingeführten Obergrenzen beginnt die UdSSR nach dem Krieg, ihren Walfang auszubauen. Die Sowjets lernen von den ausländischen Besatzungen, die sie anfangs einsetzen, und sind bald selbst in der Lage, in nie dagewesenem Ausmaß auf die Jagd zu gehen: Das Goldene Zeitalter des sowjetischen Walfangs bricht an. Anders als in Japan, wo Walfleisch Tradition hat, wird in der Sowjetunion eigentlich nur das gewonnene Öl verwendet. Doch die Planwirtschaft sieht vor, dass trotz fehlenden Bedarfs horrende Zahlen erfüllt werden. Wer die Quoten erreicht, darf sich über ein gutes Einkommen und öffentliches Ansehen freuen. Was hingegen an die Kommission gemeldet wird, entspricht in keiner Weise den Tatsachen.

Die Fangflotten sind in Begleitung von Wissenschaftlern unterwegs, die einerseits forschen, andererseits den groß angelegten Betrug durch ihre Publikationen decken. Einer von ihnen ist der Meeresbiologe Alfred Berzin. Er wird Zeuge des maschinellen Mordens auf hoher See: Ohne Maß und Ziel töten die sowjetischen Flotten alle Wale, die sie finden können. Auch Walkühe und ihre Kälber sowie verbotene Arten fallen ihnen zum Opfer, selbst wenn es genügend Tiere gibt, die legal gejagt werden könnten. Weiterverarbeitet wird nach Berzins Schätzung jeweils nur ein Drittel des Kadavers. Der Rest verwest ungenutzt im Meer.

Was Berzin sieht, belastet ihn. Wie andere seiner Kollegen versucht er, an die Sowjetspitze zu appellieren, jedoch ohne Erfolg. 1994 schreibt er kurz vor seinem Tod seine Memoiren, die mittlerweile in englischer Übersetzung vorliegen [3], auf Russisch jedoch bis heute unveröffentlicht sind. In ihnen bezeugt er mit scharfer Zunge und zahlreichen Bildern eines der größten Umweltverbrechen des 20. Jahrhunderts.

Durch Menschen wie Berzin kommt allmählich das Ausmaß der Gräueltaten ans Licht: 180 000 Wale sollen damals von der UdSSR getötet und nicht gemeldet worden sein, darunter an die 3000 Exemplare des geschützten Retwals. [2]

 

11 – Vater und Sohn Solyanik

Der Ruchloseste unter den sowjetischen Walfängern ist Alexei Solyanik, führender Kapitän mehrerer Flotten, unter ihnen auch die Slava. Ihr Flaggschiff, ein ursprünglich deutsches Fabrikschiff, wird nach dem Krieg beschlagnahmt und umbenannt. Sein russischer Name bedeutet „Ehre“, und die macht sie dem sowjetischen Walfang auch: Die Slava ist darauf ausgelegt, alle 30 Minuten einen Wal zu zerlegen. [2]

Bis zu ihrer Abberufung in den Nordpazifik 1966 durchkämmt die Slava die antarktischen Gewässer und die Gegend um Bouvet. Solyanik lässt allein in den beiden Jahren 1960/61 insgesamt 25 000 Buckelwale töten, woraufhin die Population einbricht. In einem anderen Jahr tötet die Slava 300 Blauwale, die größten Säugetiere der Welt, und hört damit auch nicht auf, als es verboten wird. Noch in Australien und Neuseeland rätseln Forscher über die Ursachen der weithin wahrnehmbaren biologischen Katastrophe.

Die Flotte der Slava besteht aus mehreren Schiffen und Walfängern, die aufsteigend nummeriert sind. Einige von ihnen dienen wissenschaftlichen Zwecken, so auch die Slava-9. Mit ihr geht Ende November 1958 eine Gruppe von Forschern und Seeleuten in Bouvet an Land: Unter ihnen der Ornithologe Gennadi Solyanik, der Sohn des Kapitäns.

Der Vogelkundler wird es in der UdSSR noch zum Walfangkommissar bringen. Eine Farce, wenn es nach Berzin geht, der an den Solyaniks kein gutes Haar lässt. Denn natürlich gehen unter der Ägide des Sohnes die Ausbeutung und der Betrug ungehemmt weiter. Beide, Vater und Sohn, nehmen zur Unterhaltung ihre Frauen mit auf Reisen und zahlen ihnen dafür hübsche Gehälter.

Trotz widriger Bedingungen können die Forscher auf Bouvet einige Seiten mit ihren Beobachtungen füllen. Nüchtern, wie es sich für einen wissenschaftlichen Beitrag gehört, besprechen sie die unterschiedlichen Sturmvögel, Schwalben, Skuas, Möwen und Pinguine.

Ganz nebenbei findet sich in dem Artikel, der sechs Jahre später erscheint, auch die Erklärung für das mysteriöse Boot. Denn dort heißt es: „Aufgrund eines unerwarteten Hurricanes war die Gruppe gezwungen, drei Tage (27.-29. November) auf der Insel zu verbringen“ [4]. Es gelingt nicht, mit dem Beiboot der Slava-9 zurück zum Schiff zu fahren. Also bleiben sie in der Nähe des Kap Circoncision, unweit der Lagune. Tagelang harren sie aus, bis sie schließlich per Helikopter evakuiert werden können.

Das Boot bleibt zurück.

Es liegt seit fünfeinhalb Jahren auf der Insel, als Crawford darauf stößt. Der Zahn der Zeit hat die Aufschrift vom Holz genagt. Aus dem Beiboot der Walfangflotte ist ein Rätsel geworden.

 

12 – Die Antwort, die niemand hören will

Jahrzehnte später wird aus dem Boot ein Internetmysterium. Immer wieder widmen sich ihm Beiträge wie der hervorragende Blog-Post von Mike Dash [5], bis 2016 wohl die Lösung ans Licht kommt. Reddit-User qualis-libet kommt zum Schluss, es müsse sich um ein Beiboot der Slava-9 handeln. Nachdem Dash den Artikel von Gennadi Solyanik zwar erwähnt, ihn aber nicht beschaffen kann, stöbert qualis-libet eine Notiz in einer anderen russischen Publikation auf, die auf das gestrandete Boot der Slava-Flotte verweist [6]. Er veröffentlicht seinen Beitrag im Subreddit Unresolved Mysteries („Ungelöste Rätsel“), einer Online-Community, wo banalere Texte mit weniger Eigenleistung oft tausende Reaktionen generieren. Sein Post kommt hingegen auf nur 107 Upvotes und neun Kommentare. Anders als bei Mordfällen, wo alle gespannt auf die Lösung warten, will bei Bouvet am Ende fast niemand die schlichte Erklärung wissen.

Die Ahnung eines traurigen Menschenschicksals und ein paar logische Schwierigkeiten bannen uns Jahre und tausende Wörter lang. Dabei kommt beim Bouvet-Rätsel kein einziger Mensch zu Schaden. Es ist an der Zeit, es neu und anders zu erzählen: Als Geschichte eines Artenmordes, in der Menschen nicht die Opfer sind – sondern die Täter.

Noch heute geht südlich des 50. Breitengrades Unerklärliches vor sich. Die Langleinenfischerei, die es rund um Bouvet offiziell gar nicht gibt, bedroht die Fischbestände vor Ort massiv. Auch die dortige Pinguinpopulation ist rückläufig. Weltweit gefährdete Arten können sich in überfischten und verdreckten Gewässern auf Dauer nicht halten, auch nicht auf der einsamsten Insel der Welt.

Der Mythos der einsamen Insel, den auch die vierhundert Google-Rezension pflegen, ist gefährlich. Er lenkt ab von der Grausamkeit, mit der wir Menschen die Lebensräume tausender Arten zerstören – und letztlich auch unseren eigenen.

Mittlerweile erzählt selbst der einsamste Ort der Welt davon.

 

[1] Allan Crawford: Tristan da Cunha and the Roaring Forties, Edinburgh/Claremont 1982.

[2] Charles Homans: The Most Senseless Environmental Crime of the 20th Century, in: Pacific Standard 2013, http://bit.ly/homans_pacific [06.05.2021].

[3] Alfred A. Berzin: The Truth About Soviet Whaling, in: Marine Fisheries Review 70/2 (2008), 4-59, http://bit.ly/aquaticcommons (übers. v. Yulia Ivashchenko) [04.03.2021].

[4] G. A. Solyanik: Some Bird Observations on Bouvet Island, in: Soviet Antarctic Expedition Information Bulletin 2 (1964), 97-100.

[5] Mike Dash: An Abandoned Lifeboat at World’s End (2011), http://bit.ly/dashhistory [04.03.2021].

[6] qualis-libet: The Bouvet Island lifeboat mystery (2016), http://bit.ly/reddit-qualis-libet [05.03.2021].


Auch zu finden auf Story One.

Bild: Derek Oyen on Unsplash.
Oktober 16, 2021

Wenn du gehst. Roman (Auszug)

Wenn du gehst. Roman (Auszug)
Dritter Platz beim Federleicht-Wettbewerb 2021 in der Kategorie "Roman".

1

Ein glasklarer, eiskalter Septembermorgen beendete sieben Tage Dauerregen. Viele Einwohner der Kleinstadt hatten das veränderte Wetter noch nicht bemerkt. Doch Radmila Milovanović hatte sich vor fünfzehn Minuten in ihren neun Jahre alten Opel Corsa gesetzt um zur Arbeit zu fahren. Im Kühlschrank warteten fertig gepackte Jausenpakete auf die Kinder; Darko, der älteste ihrer drei Söhne, würde die beiden Jüngeren zur Volksschule begleiten. Radmila hörte auf dem Weg zur Arbeit nie Radio, sondern rauchte exakt drei Zigaretten – so lange brauchte sie, um von der Hofmeister-Siedlung am östlichen Stadtrand zur Autobahnauffahrt West zu kommen. Dort stand das Einkaufscenter West, dessen McDonald’s Filiale sie allmorgendlich zusammen mit zwei anderen Frauen aufräumte. Auf den Straßen herrschte noch weitgehend Ruhe, wenn sich Radmila um vier Uhr vierzig auf den Weg machte, damit Pendler und andere Rastlose um Punkt sechs Uhr in einem gesäuberten Lokal ihr Frühstück konsumieren konnten. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel, wischte sich ein wenig pinken Lippenstift von den Zähnen und richtete ihre dunklen Haare.
Später, in den Zeitungen, würde man sie als Radmila M., 43, Reinigungskraft serbischer Abstammung, bezeichnen. Kein Wort über den pinken Lippenstift.
Mit ihrem weiß-blauen Arbeitsmantel und ausgelatschten Flipflops machte sich Radmila daran, die speziellen Hygienebehälter und Papierkübel auf den Toiletten zu entleeren und deren Inhalt in zwei schwarzen Plastiksäcken zu vereinen. Wenn ihr auf dem Weg nach draußen irgendwo Klopapierfetzen oder achtlos auf den Boden geworfene Servietten auffielen, sammelte sie sie auf. In beiden Händen schwarze Säcke, drückte sie die Klinke der Hintertür mit ihrem Ellenbogen nach unten und stieß sie dann mit ihrem Hintern auf. Sie wuchtete die Säcke hinaus und ließ die Tür mit einem Knallen hinter sich zufallen. Es fröstelte sie in ihrem Arbeitsmantel und den Flipflops. Ist halt schon Herbst, dachte sie bei sich, die Augen auf den wolkenlosen Himmel gerichtet, während sie die Säcke ein paar Schritte weiter zur Mülltonne schleifte.
Da fiel ihr Blick auf den Spalt zwischen zwei Tonnen.
Nachdenklich ließ sie die beiden Säcke auf den Boden sinken und näherte sich den großen schwarzen Restmülltonnen. Zwischen ihnen lag etwas, ein Stück davon ragte hervor – nicht viel, etwas Weißes. Wahrscheinlich hatte eine Privatperson wieder einmal ihren Sperrmüll des Nachts auf dem Gelände deponiert, um sich die Entsorgungsgebühr zu ersparen. Überzeugt von dieser Erklärung und mit abnehmendem Glauben an das Gute im Menschen raunzte sie „Mein Gott…“, wie sie es an guten Tagen zehn- bis fünfzehnmal tat. Doch als ihre kurzsichtigen Augen dem Gegenstand nahe genug gekommen waren, entfuhr ihr derselbe Satz gleich ein zweites Mal, nun als atemloser Aufschrei:
„OH MEIN GOTT!!!“
Im Spalt zwischen den zwei Tonnen lag ein Mensch, sein angewinkeltes, weißes Bein ragte hervor. Er war nackt. Ein Arm reckte sich nach hinten, an die halbhohe Wand, der andere hing quer über seinen Oberkörper. Es war eindeutig ein Mann.
Radmila wandte sich ab und drückte sich beide Hände ins Gesicht. „Oh mein Gott, oh mein Gott…“, murmelte sie. Ihre geweiteten Pupillen starrten zur Hintertür. Lebte der Mann noch? Er sah tot aus. Einmal noch drehte sie sich um, schielte zwischen ihren Fingern hinunter auf ihn: Auf seinem Bein waren Schürfwunden und kleine Kratzer, das Blut wirkte angetrocknet.
Die Hände voll mit pinkem Lippenstift, stürmte sie zurück durch die Hintertür in die Filiale. „Gizem!“, schrie sie, „Bei Müll liegt toter Mann!“ Die ältere Frau hörte einen Moment auf, den Boden zu wischen. „Was?“ Radmila holte Luft und fing wild zu gestikulieren an. „Wir müssen Polizei rufen! Hinten liegt toter Mann!“ Gizem ließ den Wischmopp los, wischte sich die Hände im Arbeitsmantel ab und kam auf ihre Kollegin zu. „Bei Müll?“ Radmila nickte hastig. Gizem drängte sich an ihr vorbei nach draußen. Im nächsten Moment war ein Aufschrei zu hören.
„Radmila! Ruf Polizei! Ruf Herr Payer!“
Als Gizem bleich wieder zurückkam, erzählte Radmila gerade der dritten Kollegin auf Serbisch von ihrem grausigen Fund. Gizem holte ihr klobiges Handy aus der Manteltasche, überlegte kurz, ob die Polizei oder der stellvertretender Filialleiter zuerst verständigt werden müsse. Sie entschied sich dann doch für die Behörde und erklärte einer jungen, geduldigen Polizeibeamtin, was sie soeben zwischen zwei Mülltonnen mit eigenen Augen gesehen hatte.
„Sicher ist tot!“, entfuhr es ihr, als die Polizistin fragte, ob der Mann eindeutig nicht mehr lebe. „Nein, haben nur geschaut, nicht angegriffen.“
Der stellvertretende Filialleiter betrat energisch den Raum. Er hatte die beiden Frauen auf Serbisch debattieren und Gizem in gebrochenem Deutsch reden gehört. „Was ist hier los? Warum arbeitet ihr nicht?“
Drei aufgebrachte Frauen redeten durcheinander auf ihn ein. „Ein Toter?“, fragte er ungläubig. „Beim Müll?“ Schon bahnte er sich einen Weg vorbei am dreifaltigen Facility Service, hinaus zu den Tonnen. Radmila, Gizem und Dajana, die jüngste der Drei, steckten die Köpfe zur Tür hinaus. „Bei Restmüll!“
Herr Payer, ein korrekt gekleideter Mann Anfang dreißig mit seriösem Haarschnitt und strengem Brillengestell, trat angewidert einen Schritt zurück. Er würgte, näherte sich dem Körper dann jedoch wieder, das Gesicht zögerlich, fast ängstlich zur Seite gewandt. Er hockte sich nieder, um das vorragende Bein zu betrachten. „Habt ihr die Polizei gerufen?“
„Polizei und Rettung kommen in fünf Minuten!“
Für gewöhnlich amüsierte es ihn, wenn die Verben in den Sätzen seiner Mitarbeiter einmal zufällig grammatikalisch mit dem Subjekt übereinstimmten, doch in diesem Augenblick war er zu konzentriert auf die schlanke, verdrehte Männergestalt, die vor ihm lag. Er betrachtete sie, stets bereit aufzuspringen, sollte sich plötzlich irgendetwas zu rühren beginnen. Doch die Bewegung, die er wahrnahm, war eine sehr ruhige, gleichmäßige. Der nackte Brustkorb des Menschen hob und senkte sich, schwach aber doch.
„Der Mann lebt!“, rief er den Frauen zu, ohne sich von dem Körper abzuwenden. Nun wagte er es, ihn sacht an einer kalten Hand zu rütteln. „Sie!“, sagte er in bestimmtem Ton. „Sie, hören Sie mich?“
Der Mann zeigte abseits der Atmung erst weitere Lebenszeichen, als die Rettung kam und ihn endgültig aus dem Spalt zwischen den beiden schwarzen Restmülltonnen befreite, ihn vom kalten Asphalt auf eine Trage hob und seinen Körper notdürftig bedeckte. Als die Ausmaße seiner Verletzungen zutage traten – Schrammen und blaue Flecken am gesamten Körper, eine Platzwunde an der Augenbraue – begann er ein wenig zu murmeln. Seine Lider flatterten.
Zwei Polizisten warfen nachdenkliche Blicke auf den Nackten und seine Fundstelle. Einer zog die Augenbrauen hoch. Er wollte wissen, ob jemand der Anwesenden den gefundenen Herrn mit Namen kannte, doch niemand konnte Auskunft geben. „Wär heuer schon der siebte Drogentote.“, warf der andere Polizist kopfschüttelnd ein.
„Aber der Mann lebt doch noch.“, stellte Herr Peyer fest.
„Ja, ja, natürlich.“, beteuerte der Polizist. „Wissen Sie“ Er sah zu den Putzfrauen, die sich bereits wieder an die Arbeit gemacht hatten, den Boden unmittelbar vor dem Hinterausgang heute allerdings besonders gut schrubbten. „Das mit den Drogen ist ein gewaltiges Problem. Da kommt’s dauernd zu Schlägereien und Messerattacken. Was wir allein heuer am Mehlplatz Einsätze gehabt haben, gell?“
Sein Kollege nickte.
„Der Mann wurde zusammengeschlagen, ja.“ Herr Peyer sah der Trage nach, die von den Rettungsleuten gerade über den Parkplatz zum Wagen geschoben wurde. „Aber Drogen? Glauben Sie?“
„Sehr wahrscheinlich.“, klärte ihn der Polizist auf. „Wie alt wird er schon gewesen sein? Zwanzig? Und da liegt er nackt hinter einem McDonald’s. Der wird wohl unter Drogeneinfluss gewesen sein. Und wenn nicht er, dann derjenige, der ihn so zugerichtet hat. Na, ja, das werden wir ihn alles dann fragen, wenn er wieder zu sich kommt. Danke Ihnen einstweilen.“
Herr Peyer hatte gehofft, die Sache beenden zu können, bevor Kundschaft kam. Da die Polizei den Spalt zwischen den Mülltonnen nicht weiter untersuchte und die Rettung keine Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen musste, sondern den Mann nur in den Wagen verlud, gelang das auch tatsächlich. Um fünf Uhr achtundvierzig kehrte die Filiale wieder zu ihrer täglichen Routine zurück. In der Mittagspause bot eine Journalistin der lokalen Zeitung den stellvertretenden Filialleiter sowie Radmila zum Interview. Am Abend war der nackte Mann noch einmal Thema an den Esstischen von Herrn Peyer, Radmila, Gizem und Dajana. Erst zwei Tage nach seiner Auffindung wurde er zum Gesprächsthema zahlreicher Familien in ganz Österreich. Und Jahre später lernten schließlich junge Polizisten und Polizistinnen in ihrer Ausbildung anhand der Geschehnisse dieses Septembertages in der Bezirkshauptstadt Schweigen an der Dreising, wie nachlässig man einen Tatbestand auf keinen Fall aufnehmen durfte.
August 09, 2021

Ikonen + Sex?

Ikonen + Sex?



Ich bin immer auf der Suche nach guter "christlicher" Kunst - nach KünstlerInnen und Kunstwerken, die noch nicht durch Algorithmen miteinander verbunden sind und die in den Suchmaschinen nicht durch tausende Anfragen monatlich hochgeschwemmt werden. Meine neueste Entdeckung ist Robert Lentz (* 1946), ein faszinierender Franziskaner - nachzulesen auf feinschwarz.

Bild: Robert Lentz, Mother of God, Protectress of the Oppressed (Ausschnitt).
Fotograf: Don Sniegowski (unter CC BY-NC-SA 4.0)

März 11, 2021

Auszeit

Auszeit

 


Nach vielen abwechslungsreichen Jahren voll mit Texten, Vorträgen und Berufswechseln steht jetzt einmal eine Auszeit an. Die Speicher sind erschöpft, und außerdem braucht jemand Neuer, der die Welt noch nicht kennt, ein wenig Starthilfe von meinem Mann und mir. Was währenddessen geschieht, wird - frei nach Katz & Goldt - erst einmal undokumentiert wegtreiben. Gott allein weiß, was dann kommt. Für's Erste reicht das auch vollkommen.

Auf E-Mails antworte ich weiterhin. Vielleicht nicht so schnell ;)

Februar 04, 2021

Neuerscheinung: Was würde Jesus tun?

Neuerscheinung: Was würde Jesus tun?

 

Am 23. Februar 2021 erscheint im Styria-Verlag "Was würde Jesus tun", das gemeinsame Buch von Sozialethiker und Priester Markus Schlagnitweit und mir. Zwei Theologengenerationen - zwei Blickrichtungen auf den ewigen Anfang des Christentums.

Besprechung in der KathPress.

Rezension von Wolfgang Bögl (KMB).

Rezension von Otto Friedrich (Die Furche; Paywall).

Von Sprachlosigkeit sprechen

Nach zehn Jahren des Theologisierens an der Universität und zwei Jahren in der pädagogischen Wildbahn bot das Buchprojekt die Chance, meine Erfahrungen in Worte zu fassen. Sprachlich ringe ich mit Stummheit und Klischee. Inhaltlich werfe ich den Blick auch vor die eigene Haustür: Wir werden uns schwerlich auf weltpolitische Probleme beschränken können, solange gewisse Formen des Unrechts und der Diskriminierung innerhalb unserer eigenen Mauern vorherrschen.

Immer wieder packte mich beim Schreiben auch die Wut. Ich habe beim Überarbeiten nicht versucht, sie zu tilgen. Die Selbstverständlichkeit der Jesusgeschichten ist weg, die globalen Krisen von Pandemie bis Klimawandel sind längst keine akademischen Angelegenheiten mehr, und hier stehen wir, sprachlos, und in unseren Breiten auf dem besten Weg in die Bedeutungslosigkeit. Wir ersticken an unseren Worthülsen, finden keine grüne Sprache, die Sauerstoff erzeugt, sagen "Gnade" - und meinen "Paternalismus".

Das Gestrüpp auf kargem Boden

Während des Schreibens habe ich Bonhoeffers Briefe an Eberhard Bethge zu lesen begonnen, und das hat die Wut angefacht: Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist alles klar, die Diagnose auf dem Tisch, und der Patient am Sterben. Von Bonhoeffers Unbehagen in Kreisen, die besonders viel vom Glauben reden, bis hin zu seiner Überzeugung, dass der Mensch von heute einfach nicht mehr religiös sein kann, weil er selbst, wenn er es ist, etwas ganz anderes damit meint - all das ist nicht "eingetreten" wie ein Schicksalsschlag, sondern es ist wahr, und von der Wahrheit kann man nicht genesen. Sie befreit: Gesetzt den Fall, man versteckt sich nicht länger vor ihr im Floskelgestrüpp, das noch auf dem kargsten Boden wuchert.

Karge Böden verdecken - das bin ich leid. Jede sechzehnjährige Schülerin erkennt Unkraut als solches, und ebenso erkennt sie Land, das lebendiges Wasser tränkt. Man darf dem Urteil der Menschen vertrauen, besonders dem der Jüngsten.

Darum sind meine Texte Brunnengrabungsversuche - Leute, wir hatten hier doch irgendwo Grundwasser!

August 06, 2020

Theologin = Pantomimin

Theologin = Pantomimin
Mai 10, 2020

Corita! Pop Art Theologin. Porträt

Corita! Pop Art Theologin. Porträt
Auf feinschwarz.net ist mein Porträt der Künstlerin und Nonne Corita Kent erschienen. Schon 1968 hieß es in der New York Times, sie habe für Brot und Wein getan, was Warhol für Suppendosen getan hat. Dennoch erlebt ihre Pop Art Theologie erst allmählich ein gebührendes Revival.
Bis Oktober 2020 sind zahlreiche ihrer Werke und zwei Kurzfilme über sie in Innsbruck zu sehen!